24
Jan
2011

Eau de Froehliche

eau-de-froehliche

Schaun Sie manchmal TV-Werbung? An einer kam man in den letzten Monaten nun gar nicht vorbei. Da gab es diesen jungen Mann, der – nur weil er ganz und gar aus Schokolade bestand und scheinbar unverschämt gut roch – von hungrigen jungen Frauen einen Arm ausgerissen bekam und sich bei lebendigem Leib verspeisen lassen musste. (Das Deo beginnt mit A..) Sie wissen, was ich meine.

Ich bin dann mal in die nächste Drogerie und habe daran gerochen. Okay, kein Kommentar. Das mit dem „einen Arm ausreißen“ kommt schon hin, nur hat das nichts mit Wohlgefallen zu tun.

Es stellt sich die Frage, ob ansprechende Düfte mit einer Schokoladennote wirklich unmöglich sind? Kann man das Kunststück fertigbringen, damit weder kulinarisch noch aufdringlich zu riechen?

Eine nach meinem Dafürhalten rundum gelungene Kreation wurde gerade von Erik Kormann herausgebracht. Erik setzt Pyrazine (unvermeidlich bei jedem Schokoladenduft) im Hintergrund ein und tastet sich von mehreren Seiten an das Thema „rundum lecker“ heran. Sein „Eau de Froehliche“ ist ein Meisterwerk, wie ich es selten in der Nase hatte.

In der Kopfnote liegt ein leichter Erdbeer-und Karamelduft, der sofort gute Laune erzeugt. Der Name ist also völlig zu Recht gewählt. Wenig später versetzt einen die Herznote in einen sakralen Raum. Ein überzeugendes, sattes Weihrauchthema hält lange an und macht das Parfum elegant und alltagstauglich zugleich. Über allem liegt ein ganz zarter, nie im Vordergrund stehender Schokoladenduft, der mehr der Erinnerung an den Besuch bei einem guten Chocolatier (z.B. RAUSCH in Berlin am Gendarmenmarkt!) entspricht, als dem „üblichen“ direkten Versuch, den Gedanken zu vermitteln. Dieser Duft klingt auch in der Basisnote noch lange nach, abgestimmt mit etwas Patschuli und Moschus. Ein Gedicht! Bitte lassen Sie sich von dem Titel nur ein wenig in die Irre führen: Fröhlich kann man auch anders sein, wie der mutige Entwurf für das Etikett beweist!

Ich bin gespannt, wo man den Duft demnächst kaufen kann, bis jetzt muß ich mich mit dem Testflakon begnügen.

PS: Nein, hier ist nicht „zu“. Meine Nase ist nur im Moment meistens damit beschäftigt herauszufinden, ob mein Sohn eine neue Windel braucht. Falls Sie mit Parfüm sowieso Ihre Schwierigkeiten haben – eine hervorragende Desensibilisierungstherapie!

1
Okt
2010

Essenzenflaschen & Co.

essenzenflasche

Jeder Hobbyparfümeur / Niche Perfumer hat einen Bedarf nach Flaschen, in denen er seine Erzeugnisse am Markt anbieten kann. Ein anderes Thema sind die Behälter, mit denen im kreativen Prozess gearbeitet wird. Dazu eignen sich Apothekerflaschen aus Braunglas bzw. Chemikalienflaschen nicht wirklich. Der dort verwendete Tropfverschluss erlaubt nur grobes Arbeiten ("per Tropfen"). Entfernt man den Tropfeinsatz ganz, so fehlt auch die Dichtung und das kostbare Material kann leicht verdunsten.

Essenzenflaschen, die speziell für den Parfümeur entworfen wurden, kennen diese Nachteile nicht. Nachdem ich so einen Behälter einmal von PFW erhalten hatte (siehe dort) wollte ich unbedingt meine Vorratsflaschen durch Essenzenflaschen ersetzen, doch die Suche danach gestaltete sich schwierig. Zunächst muß man die genaue Bezeichnung kennen: "Essenzenflaschen mit Tellermündung", sonst kann man nicht danach googeln. Da kam mir die aktuelle "Flaschenpost" (Werbeflyer) der Rixius GmbH gerade recht.

Rixius bietet Essenzenflaschen erst seit einigen Monaten an. Die Flaschen stammen von Hermann Stetter, die inzwischen zu Rixius gehören. Flaschen mit 15 ml Inhalt kosten bei Rixius um 80 Cent das Stück (zzgl. MWSt.), inkl. weißem Schraubverschluß, bei Abnahme von 1.000 Stück. Ein "group buy" macht Sinn.

Die 15 ml Essenzenflaschen von Rixius sind 57 mm hoch und haben einen Durchmesser von 31 mm. Die 18 ml Flaschen sind sogar etwas schmaler (Durchmesser 30 ml). Damit passen beide perfekt in die großen Flaschenständer von Floracura! Die genaue Bezeichnung ist "Holzständer (Bachblütenständer, Treppe) Größe 30 aus massivem Kirschholz" (Durchmesser 33 mm). Aus meiner Sicht eine geniale Kombination.
Mag man es etwas kleiner, ist die Kombination aus Floracura Holzständer Größe 10 mit 5 ml oder 10 ml Essenzenflaschen von Rixius ideal (Durchmesser jeweils 24 mm). Vorausgesetzt die Angaben auf der Homepage von Rixius sind wirklich präzise (ein Muster wäre vor Abnahme von 1.000 Stück sicher hilfreich).

Fügt man dann noch eine Tomopol-Feinwaage und Einweg-Pasteurpipetten hinzu, ist die Grundausstattung perfekt.

4
Jul
2010

Gattefossé

gattefosse2

René-Maurice Gattefossé (1881 - 1950) war ein französischer Chemiker und Parfümeur. Er gilt als der Begründer der Aromatherapie. Seine Arbeiten auf diesem Gebiet sind bekannt. Gattefossé ist aber auch Verfasser eines wundervollen Buchs über die Kunst des Parfumeurs: "Formulary of Perfumery and of Cosmetology". Der Hauptteil seiner Arbeiten entstand zwischen 1910 und 1930. Meisterrezepte berühmter Parfums wird man auch hier nicht finden, aber in nahezu jeder anderen beziehung ist das Buch eine wahre Fundgrube für den Niche Perfumer. Eine breite Zahl einfacher, klarer Rezepte aus allen Bereichen der Parfümerie ist aufgelistet, ebenso Tips zum Erreichen bestimmter Effekte oder zur Herstellung aller Arten von kosmetischen Präparaten. Kein Thema wird ausgelassen und die Sprache ist auch in der englischen Übersetzung noch klar, wohlüberlegt und mitreißend.

Sein Buch ist mit etwas Glück für weit unter 100 Euro bei Eurobuch.com zu bekommen, bei Amazon kostet es aktuell > 1.000 Euro. Ich würde jedem Niche Perfumer die folgenden Bücher als Grundlage der Arbeit empfehlen:

Steffen Arctander, alle drei Bände
Paul Jellinek: Das Praktikum des Modernern Parfuemeurs
Surburg, Panten: Common Fragrance and Flavor Materials, neueste Auflage
René-Maurice Gattefossé: Formulary of Perfumery and of Cosmetology

14
Jun
2010

Kennen Sie dieses Spektrum?

Paradisone_xxx

Das sollte das Spektrum von Paradisone [(+)-methyl dihydroepijasmonate], CAS: 39647-11-5, sein, aber das ist es natürlich nicht, denn das sieht ganz anders aus. Frage: was riecht wie ein gutes Hedione und sieht so aus, wie dieses Massenspektrum? Kennt sich jemand so weit damit aus, daß er dieses Spektrum zuordnen kann oder weiß jemand von einem Computerprogramm, mit dem man aus einem Spektrum auf die chemische Substanz schließen kann? Hier noch einmal in vergrößerter Version zum Download: Kein_Paradisone (jpg, 46 KB)

Das Spektrum wurde mit einem 15 Jahre alten Varian GC/MS gemessen.

Ich vermute, die Substanz könnte CAS: 37172-53-5 sein, also dihydroisojasmonate, mit einem MW von 226,3. Leider weiß ich nicht, wie das Spektrum dieses Stoffes ausschaut und ich bin auch kein Experte in Strukturanalyse.

Hilfe! Und schon jetzt Danke :)

Nachtrag:

Geholfen wurde mir vor allem von Gregor (DANKE!) und im Chromatography-Forum. Die eigentliche Frage ist jedoch noch immer ungelöst... Ich weiß nun, daß obiges Spektrum ein Meßfehler ist (Überladen der Ionenfalle, deshalb das Wellenmuster). Das korrekte Meßmuster ist einfach ein scharfer Peak bei m/z 228 - und was das für eine Substanz ist, kann ich noch immer nicht sagen.

6
Jun
2010

Nombre Noir

Nombre-Noir

Luca Turnin schreibt über das 1981 erschienene NOMBRE NOIR (Shiseido) in seinem Buch "The Secret of Scent":


The fragrance itself was, and still is, a radical surprise. A perfume, like the timbre of a voice, can say something quite independent of the words actually spoken. What Nombre Noir said was 'flower'. But the way it said it was an epiphany [...] It was Nombre Noir that got me started on a long journey towards the secret of smell..."


Nombre Noir ist eine Kreation von Serge Lutens, einem der größten lebenden Parfümeure. Sein "Serge Noire" gibt es noch immer in vielen größeren Douglas-Shops und wer die Möglichkeit dazu hat, sollte unbedingt daran riechen. [Anmerkung: bei "Serge Noire" war eigentlich Christopher Sheldrake, jetzt Chef-Parfümeur bei Chanel, die geniale Nase]

Nombre Noir ist lange vom Markt verschwunden, aber noch gelegentlich über Auktionsplattformen erhältlich. Nach Lucas Beschreibung wollte ich es ausprobieren, wurde auf Ebay fündig und kann seine Begeisterung gut nachvollziehen. Eigenartigerweise fehlt der Duft in seinem Buch "PERFUMES, THE GUIDE", ich frage mich, warum. Vielleicht liegt es an seiner Bemerkung "...and I have none left. None..."

Anbei der Versuch, allen Liebhabern von Nombre Noir einen (kleinen) Anhaltspunkt für ein Remake zu geben. Zu dem folgenden Gaschromatogramm werden die identifizierten Komponenten angegeben und (vereinfacht) die Höhe der Peaks auf 1.000 gerechnet.

Nombre-Noir-GCA

205 - Hedione / Jasmin oil ? (CAS: 24851-98-7)
150 - alpha-methyl-Ionone (CAS: 7779-30-8)
106 - alpha-hexyl-Cinnamaldehyde (CAS: 101-86-0)
088 - Vertofix coeur (CAS: 32388-55-9)
058 - 2-Phenylethylalkohol (CAS: 60-12-8)
055 - Benzylacetat / Jasmin oil ? (CAS: 140-11-4 )
037 - Musk ketone (CAS: 81-14-1)
032 - Coumarin (CAS: 91-64-5)
026 - Patchouli alcohol / Patchouli oil ? (CAS: 5986-55-0 )
025 - Benzyl benzoate / Jasmin oil ? (CAS: 120-51-4 )
025 - alpha-Terpineol (CAS: 98-55-5)
019 - Galaxolide (CAS: 1222-05-5)
019 - Linalool / Jasmin oil ? (CAS: 78-70-6)
018 - Phenethyl propionate (CAS: 122-70-3 )
014 - Limonene / Dill weed oil ? (CAS: 138-86-3)
012 - Citronellol (CAS: 106-22-9)
011 - beta-Damascone (CAS: 35044-68-9)
009 - Dimethyl benzyl carbinyl butyrate (CAS: 10094-34-5 )
009 - alpha-Cedrene (CAS: 469-61-4 )
009 - Linalylacetate (CAS: 115-95-7 )
007 - dextro-Carvone / Dill weed oil ? (CAS: 2244-16-8 )
007 - Cedrol (CAS: 77-53-2 )
007 - amyl cyclopentanone propanone / Jasmin oil ? (CAS: 40942-73-2 )
007 - beta-Elemene / Patchouli oil ? (CAS: 33880-83-0 )
005 - Geraniol (CAS: 106-24-1 )
005 - Lilial (CAS: 80-54-6 )
005 - Phenoxyethyl isobutyrate (CAS: 103-60-6 )
005 - Lyral (CAS: 31906-04-4)
004 - Benzaldehyd (CAS: 100-52-7 )
004 - Cyclamal (CAS: 103-95-7)
004 - Phytol / Jasmin oil ? (CAS: 150-86-7 )
004 - Isophytol / Jasmin oil ? (CAS: 505-32-8 )
003 - Eugenol / Jasmin oil ? (CAS: 97-53-0 )
002 - beta-Patchoulene / Patchouli oil ? (CAS: 514-51-2 )
002 - Hydroxycitronellal (CAS: 107-75-5)
002 - Geranylacetat (CAS: 20780-49-8 )

Neben diesen quantitativ auswertbaren Riechstoffen enthält der Duft noch eine Reihe von Spurenelementen (weitere ca. 40 Stoffe, nicht aufgeführt), die auf die Präsenz verschiedener ätherischer Öle hinweisen. Phytol und Isophytol haben kaum einen Eigenduft, sind aber Indikatoren für Jasmin abs., der gefundene Patchouli alcohol weist auf Patchouliöl hin und dextro-Carvone auf Dillkrautöl. Zedernnadelöl und Karottensamenöl kann ich nur vermuten, aber nicht eindeutig feststellen - die Mengen sind auch äußerst gering.

Die genauen Konzentrationen an Jasmin, Patchouli und Dill muß ich noch berechnen - dann folgt die Nachmischung hier im Blog.

30
Mai
2010

Eternity, reloaded

eternity2

Ich hatte bereits vor einem halben Jahr einen längeren Beitrag über Sophia Grojsman's Meisterwerk Eternity geschrieben. Meinen damaligen Versuch, den Duft basierend auf einer fremden Analyse zu rekonstruieren, möchte ich jetzt noch einmal wiederholen. Dieses Mal stellt die Basis eine sorgfältige eigene GC/MS-Messung dar, die ich dem Leser nicht vorenthalten möchte:

191 - Lösungsmittel und unidentifizierte Stoffe
125 - Benzyl Salicylate (CAS: 118-58-1)*
125 - Iso E Super (CAS: 68155-67-9)*
125 - Lilial (CAS: 80-54-6 )*
052 - (E) beta-Ionone (CAS: 79-77-6)
050 - alpha-Terpineol (incl. gamma-Terpineol) (CAS: 98-55-5)*
040 - Piperonal (CAS: 120-57-0 )*
037 - Linalyl formate (CAS: 115-99-1)
037 - Hedione (CAS: 24851-98-7)*
030 - Exaltolide (CAS: 106-02-5 )*
030 - (3Z)-hexenyl-Salicylate (CAS: 65405-77-8)*
028 - Eugenol (CAS: 97-53-0 )*
020 - Linalool (CAS: 78-70-6)*
019 - Galaxolide (CAS: 1222-05-5)*
019 - (E) alpha-Ionone (CAS: 127-41-3)*
018 - Lyral (CAS: 31906-04-4)*
014 - Benzyl Acetate (CAS: 140-11-4 )*
011 - Citronellol (CAS: 106-22-9 )*
009 - Ethyl Linalool (CAS: 92590-71-1, 10339-55-7)*
008 - Geranyl acetate (CAS: 20780-49-8 )*
002 - 2-Phenylethyl Alcohol (CAS: 60-12-8)*
002 - Ambrettolide (CAS: 28645-51-4 )*
002 - Hydroxycitronellal (CAS: 107-75-5)*
001 - Ethyl salicylate (CAS: 118-61-6 )*
001 - Limonene (CAS: 138-86-3)
001 - Vanillin (CAS: 121-33-5 )*
001 - Dimethyl Benzyl Carbinyl Acetate (CAS: 151-05-3 )
001 - Cyclogalbanate (CAS: 68901-15-5 )*
001 - alpha-Damascone (CAS: 43052-87-5)
001 - Bacdanol (CAS: 28219-61-6)

*) - Übereinstimmung mit der Analyse von 1992

Die neue Analyse dürfte dem Original wesentlich näher kommen. Aus meiner Sicht enthält die alte Analyse von 1992 eine Reihe von Fehlinterpretationen bei den nur in Spuren enthaltenen Stoffen. Gründe dafür sind leicht nachvollziehbar: die Analyse wurde von Toxikologen und nicht von Parfümeuren gemacht und auch die Datenbanken mit Massenspektren reichten vor 13 Jahren noch nicht an das heran, was heute zur Verfügung steht. Es ist auch denkbar, daß unter dem Namen "Eternity" verschiedene, leicht variierende Ansätze veröffentlicht wurden, ("Reformulation").

Über die genauen Anteile kann man noch streiten, die Quantifizierung fällt mir noch immer schwer. Mehrere Bestandteile weisen übrigens auf das Vorhandensein geringer Mengen von Osmanthus Absolute hin, so z.B. (E) alpha- und beta-Ionone sowie Linalool. Eine zum Vergleich angefertigte Analyse von etwas Osmanthus Abs. zeigte aber, daß dann "eigentlich" auch beta-Ionol, Linalooloxide, gamma-Decalactone, Theaspirane und alpha-Isomethylionone vorhanden sein müßten. Die konnte ich allerdings nicht sicher nachweisen.

Ich habe all die Stoffe weggelassen, die m.E. nichts zum Duft beitragen und nur durch den Herstellungsprozess in das Gemisch gelangt sind (Lösungsmittel, Weichmacher, Antioxidationsmittel, Abbauprodukte, etc.)

Die große Frage ist, ob die Mischung dem Original näher kommt, als die bisherigen Ansätze. Ich bin super gespannt - das Ergebnis gibt es demnächst in diesem Blog.

Nachtrag, 3. Juni 2010

Die Mischung war schnell gemacht und ist gut als "Eternity" erkennbar! Kleine (aber deutliche) Unterschiede ergeben sich wohl vor allem aus Unreinheiten der verwendeten Substanzen. Insgesamt ein wesentlich besseres Resultat als beim ersten Versuch.

Nachtrag, 30. April 2012

Heute würde ich sagen: Eternity ist ein Nelkenparfüm. Abgerundet mit blumigen und kalt-frischen Noten. Aber im Herzen ein Nelkenparfüm; das Eugenol ist die Seele.

29
Mai
2010

Tag und Nacht

Vanillin
(ein Vanillin-Molekül)

Eventuell haben Sie einen Gaschromatographen-Massenspektrometer älterer Bauart in Ihrem Keller und sich schon an den Tag & Nacht andauernden Lärm, den Vakuumpumpe und mehrere Lüfter im Dauerbetrieb veranstalten, gewöhnt. So selten ist das gar nicht, ich war überrascht, wie viele Menschen diesem Hobby nachgehen. Im deutschsprachigen Raum Europas sind es mindestens drei (zwei in Deutschland, einer in der Schweiz), die Dunkelziffer dürfte sogar bei vier Personen liegen. Schön, wenn man nicht allein ist!

Gestern kam dann noch ein scharfes, alarmierendes Quietschen dazu (etwa dem Geräusch entsprechend, das von durchdrehenden Autoreifen verursacht wird). Der Ventilator im Ofen des Gaschromatographen wollte es so. Nachdem ich in den letzten drei Wochen eine größere Zahl von Proben analysiert hatte und die Helium-Flasche ohnehin schon halb leer war, brach ich ab. Das Datenmaterial wird jetzt nach und nach ausgewertet.

Ein gängiges Parfüm hat ca. 20-30 peaks, die sich im ersten Lauf recht gut erkennen lassen. Dazu nutzt man Chemstation oder AMDIS. Hinzu kommen ca. 20 peaks, die sich nur mühevoll durch Suchen und Vergleichen in der NIST Mass Spectral Library (oder anderen Bibliotheken mit Massenspektren) erschließen lassen. Zusätzlich schlage ich jeden peak in der Datenbank der "The Good Scents Company" nach. Ist er überhaupt enthalten? Gibt es diesen Geruchsstoff? Welchen Beitrag leistet er? Kann das stimmen...??
Ohne Bill Luebkes Daten geht gar nichts.

Falls Sie noch keines dieser nützlichen Geräte Ihr Eigen nennen (auf Ebay werden immer welche angeboten), möchte ich kurz beschreiben, wie ein Gaschromatograph-Massenspektrometer funktioniert.

In einer Druckgasflasche befindet sich hochreines Helium, das ständig durch eine sehr lange und dünne Rohrleitung, die sogenannte "Kapillartrennsäule" ausströmt. Die Wände dieser etwa 30 Meter langen und nur 0,25 mm dicken Metall- oder Glasrohre sind mit einem Material beschichtet, an dem das durchströmende Gas haften kann. Dadurch wirkt dieses Rohr wie eine sehr lange Destillationskolonne.

Helium ist als Edelgas "inert", d.h. es reagiert chemisch mit gar nichts. Mischt man nun dem stetigen Helium-Gasstrom ein anderes Gas bei - das in unserem Fall aus einem verdampften Tröpfchen (1 Mikroliter, also der einmillionste Teil eines Liters, genügt bereits) Parfüm besteht, so trennt sich das beigefügte Stoffgemisch beim Durchströmen der Kapillartrennsäule auf. Dabei kann auch noch eine ständig ansteigende Temperatur helfen, weshalb die Trennsäule in einem Ofen sitzt.

Am Ende des Rohres wartet der Weltraum auf unser Parfümtröpfchen. Genau genommen ist es ein Massenspektrometer, das die ankommenden Moleküle in Empfang nimmt. Nur das Vakuum im Inneren dieses Massenspektrometers ähnelt dem Weltraum. Um es zu erzeugen, werden zwei Pumpen hintereinander geschaltet: eine große "Drehschieberpumpe", die außerhalb des Gerätes sitzt, und eine direkt unter der Reaktionskammer sitzende "Turbomolekularpumpe". Das Vakuum ist notwendig, um die Teilchen ohne Nebeneffekte in einem elektrischen Feld manipulieren zu können.

Alles klar soweit?

Nun nehmen wir mal an, es kommt ein Vanillin-Molekül. Können Sie sich das vorstellen? Gut, hier ist eines, bzw. oben, gleich unter der Überschrift des Artikels, Danke an Wikipedia.

Das Vanillin-Molekül wird jetzt in ein elektrisches Feld eingebracht und darin so stark gezerrt, daß es in seine Bestandteile zerreißt ("Ionisiert"). Die Bestandteile sind noch keine einzelnen Atome, es sind einfach kleinere Molekülfragmente (Ionen). Diese Ionen werden nun in einem weiteren Feld kreisförmig beschleunigt, so wie in einem Teilchenbeschleuniger. Dabei krümmen sich leichte Fragmente stark, aber schwere Fragmente nur wenig in der Kreisbahn. Man kann also recht genau sagen, wo welches Fragment auf einem Detektor aufschlagen wird, denn genau darum geht es. Da jedes Molekül nach dem passieren eines elektrischen Feldes in andere, charakteristische Ionen-Fragmente zerrissen wird, kann man auch jedem Molekül ein anderes (Signal-)Muster auf dem Detektor zuweisen. Nun muß man nur noch in einer riesigen Datenbank nachschlagen, welchem - nennen wir es mal vereinfacht "Barcode" - welches Teilchen entspricht.

In der Praxis geht es nur selten so gut. Moleküle sind unsauber aufgetrennt, Fragmente überlappen sich, kleben sich im Flug wieder zusammen und täuschen so vor, ein anderer zu sein, als sie es eigentlich sind. Oder die Datenbank kennt den "Barcode" des Moleküls nicht, schlägt also einen ähnlichen Code vor, der den Parfümeur in die Irre führt. Der sitzt dann Nächte durch an dem Molekülerkennungsprogramm und versucht dem Wirrwarr an "Barcodes" bzw. Massenspektren einen Sinn zu geben. Und manchmal klappt das auch, wie man im nächsten Beitrag sieht :)

6
Mai
2010

Maiglöckchen

Maigloeckchen

(der folgende Beitrag ist eine Rezension zum Buch Das Maiglöckchen-Phänomen: Alles über das Riechen und wie es unser Leben bestimmt von Prof. Dr. Dr. Hanns Hatt)

Maiglöckchen enthalten, wie GC/MS-Analysen zeigen, die Duftstoffe Citronellal, Citronellol, Citronellylacetat, Geranylacetat, Nerol, Geraniol, 2-Phenylethylalkohol, Benzylalkohol, cis-3-Hexenylacetat, cis-3-Hexenol, Benzylcyanid, cis-3-Hexenal, Alkylmethoxypyrazine sowie ß-Ionon. Sowie den berüchtigten Giftstoff Convallatoxin, ein Herzglykosid. Jedoch kein Bourgeonal (3-(4-tert-butylphenyl)propanal) oder ähnliches.

Maiglöckchenduft lockt Spermien zur Eizelle, so macht uns Prof. Hanns Hatt glauben. In einem Akt wissenschaftlicher Effekthascherei verschweigt er uns, daß der Titel seines Buches auf einer Dreistigkeit beruht: Bourgeonal, die von ihm benutzte Chemikalie, wird von "The Good Scents Company" (einer Institution auf diesem Gebiet, mit präzisen Informationen zu über 6.000 Riechstoffen) als "not found in nature" klassifiziert! Mit anderen Worten: der Stoff Bourgeonal mag zwar im Geruch entfernt an Maiglöckchen erinnern, kommt aber in Maiglöckchen nicht vor.

Was hat Prof. Hatt dann gefunden? Eine chemische Reaktion zwischen einer industriell hergestellten Chemikalie und einem Biorezeptor! Genauso gut könnte man sagen, daß die Augen eines in der Kosmetikindustrie gefolterten Kaninchens beweisen, daß es Haarwaschmittel als "Rot" erkennt [Ironie]... Die Schlagzeile "Synthetische Chemikalie lockt Spermien zur Eizelle" hätte aus dem Buch ja wohl kaum einen populärwissenschaftlichen Erfolg gemacht.

Das ist nicht die einzige Ungenauigkeit in Prof. Hatts Buch. Chanel No. 5 ist kein "synthetischer Duft" sondern enthält neben Naturstoffen wie Jasmin auch äußerst geringe Mengen synthetischer Aldehyde (C-10, C-11 und C-12). Das erste Parfüm, das synthetische Stoffe enthielt, war auch nicht Chanel No. 5, sondern ein Herren-Duft: "Fougère Royal" von Paul Parquet (Firma Houbigant) - bereits 39 Jahre vorher auf den Markt gebracht. Wiederum schlecht recherchiert. (Die Antwort auf die Frage, was das erste rein synthetische Parfüm war, würde mich übrigens sehr interessieren.)

Im Weiteren versagt das "Maiglöckchenphänomen" an einer zentralen Stelle: wenn es erklärt, wie das Riechen funktioniert. Der Autor erliegt der Versuchung, sich von seinen Forschungen auf diesem Gebiet davontragen zu lassen und die "anderen Strömungen" wie auch eigene (und offensichtlich mühselige) Forschungsergebnisse zu ignorieren: "Bis heute, zehn Jahre später, sind außer OR17-40 und OR17-4- nur zwei weitere menschliche Rezeptoren erforscht, alle anderen 346 gilt es erst zu entschlüsseln. Viel Arbeit, noch mehr Kosten, aber wir finden: Es lohnt sich.", so Hatt. Sicher lohnt sich das vor allem für den Geruchsforscher selbst (und folgende Forschergenerationen!), wenn es rechnerisch noch weitere 865 Jahre dauert, um die "fehlenden" Rezeptoren zu entschlüsseln. Honi soit qui mal y pense.

Dabei soll natürlich nicht die Existenz von 350 Rezeptoren angezweifelt werden, sondern nur die Erklärung, wie diese Rezeptoren Düfte erkennen können: "Jeder Rezeptor ... reagiert auf eine bestimmte molekulare Teilstruktur, die zwingend vorhanden sein muss.", läßt uns Hatt wissen. Das ist lediglich eine Vermutung und wissenschaftlich keinesfalls bewiesen. Es lassen sich (siehe Luca Turin "The Secret of Scent") viele Gegenbeispiele finden, wo gleiche Geruchsempfindungen durch gänzlich unterschiedliche Molekülstrukturen ausgelöst werden. Turin ist es auch, der eine andere, und leichter nachvollziehbare Theorie aufstellt: nicht die Form der Moleküle macht laut Turin den Geruch ("Shape Theory") sondern die Molekül-Vibration ("Vibration Theory") ist dafür verantwortlich. Turin beschreibt die 350 Rezeptoren ähnlich den inneren Haarzellen in der Cochlea (Hörschnecke): jeder Rezeptor ist auf eine bestimmte Molekülfrequenz spezialisiert. Wir riechen ähnlich wie wir hören und sehen: basierend auf Vibrationen. Molekülfrequenzen können mit Turins Methode zudem genau berechnet und vorhergesagt werden. Es ist ihm und seiner Firma Flexitral auf dieser Basis gelungen, eine Reihe von Riechstoffen am Computer zu entwerfen und herzustellen - ein schlagender Beweis für die Richtigkeit seiner "Vibrations"-Theorie! Prof. Hanns Hatt hätte diese andere Strömung/Theorie doch zumindest erwähnen können. Insider wissen: der Streit sitzt tief. Ein "Richard-Axel-Jünger" wie Hatt darf den Namen "Turin" vermutlich gar nicht in den Mund nehmen.

Das Buch ist kein Parfüm-Buch, auch wenn es die Namen einiger Riechstoffe und Anekdoten zu berühmten Duftkompositionen enthält und üppige Anleihen bei Süskind's Meisterwerk "Das Parfum" nimmt. Im Wesentlichen geht es im "Maiglöckchenphänomen" um Sexuallockstoffe / Pheromone bei Mensch und Tier. Das thematisch mit Parfüm zu mischen, verwirrt den Leser nur: eine Duftkomposition mit Pheromonen zu vergleichen ist, als würde man Glutamat und Ecstasy in einen Topf werfen, weil beide oral verabreicht werden. Um es klar zu sagen: Marketingfachleute in aller Welt möchten uns nur zu gern glauben machen, eine gute Duftkomposition könnte ähnliche Wirkungen entwickeln, wie ein Pheromon - nur leider ist das Unsinn und wird ein Wunschtraum bleiben - es sei denn, man setzt direkt Pheromone ein - die dann aber nicht besonders "gut" riechen, was Hatt sogar zugibt. Es ist ein fundamentaler Unterschied ob mir jemand unangenehm ist, weil er das falsche Eau de Cologne benutzt oder weil seine Pheromone mir (unbewußt) inkompatibel und daher "meidenswert" erscheinen. Ersteres "rieche" ich bewußt, letzteres läuft ganz unbewußt ab, ist aber hundertfach effektiver. Nur mit "Duft" im Sinne von Parfüm hat das nicht zu tun. Süskind mochte man diese Unschärfe gerne verzeihen, sein Roman war reine Fiktion. Hatt erhebt einen wissenschaftlichen Anspruch, läßt jedoch die erforderliche Systematik vermissen.

Es gibt auch positives über das " Maiglöckchenphänomen" zu sagen. Hatt macht uns darauf aufmerksam, daß olfaktorische Wahrnehmungen, ob nun bewußt oder unbewußt rezipiert, an vielen Stellen unser Leben bestimmen. Er schreibt in angenehmem, leicht lesbarem Stil und streut viele unterhaltsame Anekdoten und Informationen ein.

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