KABUKI

Als ich vor 10 Jahren meine "Rote Phase" durchlebte (man kann die daraus entstandene Wand als Hintergrund noch auf dem Foto meiner ersten Parfümorgel bewundern), hatte ich noch nicht die geringste Ahnung von Pigmenten. Also strich ich meine Wand weiß, was immer eine gute Idee ist, und wusch sie mit irgendeinem roten Pulver in Acrylbinder ab. Das Verhängnis nahm seinen Lauf. Nach dem dritten, sehr anstrengenden Waschgang hatte ich ein perfekt ekliges Schweinchen-Bonbon-Rosa produziert. Eine Farbe, die nicht einmal ein Dreijähriger ertragen hätte. Was nun? Aufgeben? Wieder weiß streichen??
In meiner Verzweiflung fuhr ich noch einmal in den Pigmenteladen in der Oranienstraße in Kreuzberg (in Berlin eine Institution) und frage einen MEISTER. Zu diesem Zeitpunkt erschien mir der Mann wirklich wie Dr. Fu Man Chu persönlich, denn er sagte nur ein Wort: "Schwarz!".
Aha. Auf Rot muß Schwarz? Ich bekam also eine kleine Tüte mit etwas in die Hand gedrückt, das wie gemahlene Bitterschokolade aussah und fuhr damit voller Zweifel nach Hause. In Berlin wird man ja ständig hoch genommen. Würde ich bald in einer Black-Box leben?? Doch oh Wunder und tatsächlich - das war die Lösung! Aus dem widerlichen Candy-Rosa wurde ein tiefes, beruhigendes Flammenmeer. Wie durch einen Zauberschlag. Es hat mir über 10 Jahre jeden Tag verschönert.
Der sich geduldig vorarbeitende Leser mag erahnen, worauf es hinausläuft: Geniale Tricks. Die gibt es natürlich auch in der Parfümerie. KABUKI (TokyoMilk), in Berlin erhältlich bei 100&1 Seife, verwendet einen solchen und soll daraufhin untersucht werden.
Der Geruch? KABUKI kitzelt förmlich in die Nase. Angenehm, aber deutlich. Süß, Rot. Frucht, Portwein, Brombeere. Wie machen die das? Wieso ist das so angenehm stechend? Über die Zeit des Tragens verändert sich das Parfüm kaum, löst sich irgendwann recht unauffällig in einer nur leicht holzigen Basisnote auf. Was wurde hier verwendet? Ethylacetat? Vorstellbar. Das wäre mutig. Etwas "Nagellackentferner" ist in jedem Rotwein... Ethylmaltol? Vanille? Ja, klar - es ist süß, es ist fruchtig. Aber was noch? Fruchtnoten? Welche? Der Parfümeur weiß, daß Worte, in die man Gerüche landläufig übersetzt (wie "Pfirsich", "Pflaume", "Johannisbeere") nicht in seinem Labor stehen. Sie existieren nicht als reine Substanzen. Ein Aldehyd C-14 riecht nicht nach Pfirsich. Es erinnert nur daran. Ein beta-Ocimene riecht nicht nach Mango, es erinnert nur an (grüne) Mangos. Kaum eine einzelne Chemikalie bildet einen kompletten, bekannten Geruch ab. Namen wie "Schokolade", "Maritim" oder " grünes bengalisches Tempelfeuer" sind Marketing und haben mit den Inhaltsstoffen eines Parfüms nichts zu tun. Zudem gibt es die "Captives", also Neuentwicklungen, wie z.B. das seit 1965 bekannte Calone, die ein Parfüm bestimmen und die man nicht so einfach ersetzen kann. Enthält KABUKI etwa einen Stoff, den ich noch nicht kenne, noch nie gerochen habe? Gut möglich; ich bin erst bei knapp 400 Geruchsstoffen angelangt.
Der Ausweg war dann eine GC/MS Analyse, wie bereits erwähnt. Mein Gerät hat sich damit wochenlang gequält. Die sehr alte Spektralbibliothek kannte nur 80% der in KABUKI vorhandenen Stoffe. Die restlichen Substanzen waren ein Puzzlespiel. Manchmal half es nur einen Riechstoff erst "zu verdächtigen" und dann anhand eigener Bestände sauber auszumessen, um das eigene, gemessene Spektrum als Vergleich heranzuziehen. (Der Monster-Peak in der Mitte ist das übrigens das Lösungsmittel/Fixateur Diethylphthalat, DEP):

Das Benzylbenzoat ist kein wichtiger Bestandteil der Komposition. Ich werde nicht alle Inhaltsstoffe von KABUKI angeben, sondern nur einzelne Zusammenhänge am Beispiel meines zweitliebsten Duftes (mein and worship me mag ich noch mehr!) aufzeigen. Ein komplettes Rezept wäre unfair gegenüber dem unbekannten Parfümeur und seiner Leistung. KABUKI besteht aus den folgenden Akkorden:
- "Süß" - Ethyl Vanillin, Vanillin, gezielt überdosiert (eventuell Spuren ? von Ethyl Maltol)
- "Rote Früchte" - Ocimene, Aldehyd C-14 (Pfirsisch), C-18 (? Kokos, nicht ganz sicher), Tropical Ionone für die Frucht und Citral für die Frische, das ganze in Verbindung mit blumigen Noten von alpha-Hexylcinnamaldehyd
- "Portwein" - Butylcaprat
- "Holz" - Vertenex/Woody acetate
perfume - 4. Dez, 16:36












