Eternity
Im Winter 1991 nahm ich an einem dreiwöchigen Kurs in einem Campus nahe Chicago teil und hatte auf einmal diesen unbeschreiblichen Duft in der Nase. Die hübsche Mitstudentin war verwundert, als ich nur den Namen ihres Parfüms wissen wollte: ETERNITY. Gleichzeitig das erste Parfüm, das ich aus reinem Interesse am Duft gekauft habe.
Eternity wurde 1988 durch Sophia Grosjman geschaffen, eine der großen lebenden Legenden unter den Parfümeuren. Sie komponierte eine Reihe bedeutender Duftkreationen. Ihr Ansatz ist minimalistisch; wie ein moderneres, abstraktes Gemälde vermittelt sie ihre Nachricht mit wenigen, klaren Elementen. In vielen ihrer Parfüms ist "Weiß" die vorherrschende Duftfarbe, neben Eternity (weiße Rosen und Lilien) auch in dem Klassiker "White Linen".
Luca Turin, der viel von Parfüm versteht, auch wenn sein persönlicher Geschmack für mich manchmal nicht nachvollziehbar ist, gibt Eternity in seinem Buch "Perfumes, The Guide" (ISBN: 978-0-670-01865-9) nur 3 von 5 Sternen - ein ziemlicher Verriss.
Chandler Burr schreibt in seiner Columne in "The New Yorker", Eternity würde auf dem Riechstoff Methylanthranilat (CAS: 68845-02-3) basieren. Die im folgenden verwendete GC-Analyse bestätigt diese Hypothese nicht.
Auf der Seite eines russischen Riechstoffhändlers finden sich mehrere Nachmischungen bekannter Parfüms, die dem Verfahren ("ich mische, was ich rieche") folgen. Ich habe das Rezept ohne Abweichungen nachgemischt - mit Eternity hat der (trotzdem ansprechende Geruch) nichts zu tun.
Amerikanische Umweltschützer haben 1992 eine Gaschromatographenanalyse von Eternity beauftragt. Ein Glücksfall - echte Rezepte, so wie dieses, sind im Internet kaum zu finden. Eine Nachmischung soll schon deshalb hier versucht werden.
Eternity besteht zu einem Großteil aus Iso E Super (CAS: 54464-57-2) und Lilial (CAS: 80-54-6). Mischt man diese beiden Substanzen zu gleichen Teilen, ergibt sich bereits eine interessante Basis, die auch für andere florale Kompositionen geeignet erscheint. Der bekannte Mellis-Akkord (Benzylsalicylat und Eugenol wie 9:2) ist ebenfalls präsent. Außerdem finden sich eine Reihe alter Bekannter, die man in einem Blumenduft vermuten würde: Heliotropin, 2-Phenylethylethanol, Lyral, α-Terpineol, Ionone.
Was bringt Eternity nun zum Ticken? Wie funktioniert dieser Duft genau?
Mischt man die Bestandteile in absteigender Reihenfolge, will sich der Effekt zuerst nicht einstellen. Erst die letzte Zeile, mit nur 0,02% Anteil, bringt die Erlösung: Ethylsalicylat, der "kleine Bruder" des berühmten Wintergrünöls, setzt die Kirsche auf das Sahnehäubchen dieses Duftcocktails.
Neben den blumigen Noten wird mit Eugenol, Zimtalkohol, Cumylalkohol, Galbanum und Tagetes ein ganzes Register von Gewürzen und herben Riechstoffen gezogen. Diese wollen sorgfältig gegeneinander abgewogen sein - Sophia Grosjman ist genau dafür mit ihren Kompositionen bekannt geworden.
Anpassungen zu der im Internet verfügbaren GC-Analyse:
117,0 - iso e super (CAS: 54464-57-2)
116,0 - lilial (CAS: 80-54-6)
111,0 - benzyl salicylate (CAS: 118-58-1)
052,0 - β-ionone (CAS: 14901-07-6)
048,0 - lyral (CAS: 31906-04-4)
042,0 - α-terpineol (CAS: 98-55-5)
040,0 - heliotropin (CAS: 120-57-0)
035,2 - galaxolide 50% (CAS: 1222-05-5)
032,5 - hedione (CAS: 24851-98-7)
030,0 - linalyl acetate (CAS: 115-95-7)
030,0 - salicylic acid 3-hexen-1-yl ester (CAS: 65405-77-8)i
028,0 - eugenol (CAS: 97-53-0)ii
024,0 - ethyl linalool (CAS: 10339-55-6)
024,0 - citronellol (CAS: 106-22-9)
020,0 - ω-pentadecalactone (CAS: 106-02-5)
019,0 - linalool (CAS: 78-70-6)
016,0 - α-ionone (CAS: 127-41-3)
015,0 - benzyl acetate (CAS: 140-11-4)
010,0 - gernayl acetate (CAS: 105-87-3)
008,0 - hydroxycitronellal (CAS: 107-75-5)
007,0 - sandranol (CAS: 28219-61-6)
004,9 - 2-phenyl ethyl alcohol (CAS: 60-12-8)
003,2 - heliotropyl diethyl acetal (CAS: 40527-42-2) iii
002,1 - α,α-dimethyl benzyl alcohol (CAS: 115217-10-2, korrigiert: 617-94-7)
001,7 - (Z)-β-damascone (CAS: 23726-92-3)
001,5 - vanillin (CAS: 121-33-5)
001,5 - isoeugenol (CAS: 97-54-1)
001,3 - ambrettolide (CAS: 28645-51-4)
001,2 - hydroxycitronellal diethyl acetal (CAS: 7779-94-4) iv
000,8 - cinnamyl alcohol (CAS: 104-54-1)
000,8 - citronellyl acetate (CAS: 150-84-5) v
000,7 - dihydrolinalool (CAS: 18479-51-1) vi
000,7 - dihydrotagetone (CAS: 1879-00-1) vii
000,6 - cyclogalbanat (CAS: 68901-15-5)
000,5 - nerol (CAS: 106-25-2)
000,5 - butylated hydroxytoluene (CAS: 128-37-0), Antioxidant
000,4 - anisaldehyde (CAS: 123-11-5)
000,4 - benzyl alcohol (CAS: 100-51-6)
000,4 - β-ocimene (CAS: 29714-87-2, auch CAS: 502-99-8 ist möglich) viii
000,2 - ethyl salicylate (CAS: 118-61-6)
151,9 - Lösungsmittel (wie CAS: 84-66-2) und nicht identifizierte Bestandteile (!)
Einige Substanzen wurden ersetzt durch...
i cyclohexylsalicylat (CAS: 25485-88-5)
ii isoeugenol, eventuell auch Nelkenblütenöl
iii heliotropin
iv hydroxycitronellal
v nerol
vi linalool
vii Corps Tagetes 2,5% (Vorsicht! Überdosierung sehr leicht möglich, deshalb nach Umrechnung trotzdem nur 10% der Menge einsetzen!)
viii citral (CAS: 5392-40-5) oder dihydromyrcenol (CAS: 18479-58-8)
Manche Riechstoffe sind schwer zu beschaffen. Andere, wie Eugenol, lassen sich gut ersetzen. Für diese (kleineren) Vereinfachungen zahlt man einen Preis. Das Resultat erinnert erkennbar an "Eternity", doch mit Abstrichen. Fünkchen in der Kopfnote fehlen und das Bouquet zeigt an einigen Stellen noch Lücken.
Laut Calkin/Jellinek's "Perfumery, Practice and Principles" (Wiley, 1994), einem der wenigen Lehrbücher der Parfümkomposition, könnte Eternity sogar echtes Duftblütenöl (Osmanthus Absolute, CAS: 68917-05-5) enthalten. 1 ml davon kostet ca. 39 Euro (z.B. bei Sigma-Aldrich) und würde wohl nur im ppm-Bereich eingesetzt. Was sich sonst noch hinter den "151,9 nicht identifizierte Bestandteile" verbirgt, bietet Raum für weitere Spekulationen.

