In diesem Beitrag geht es um ein ernstes Thema: die aktuelle "Hexenjagd", die auf chemisch reine Stoffe veranstaltet wird. Geht man etwa in eine in Deutschland sehr verbreitete babyblaue Parfümeriekette, so fallen die vielen hübschen Flaschen angenehm ins Auge.
Wären die Chemikalien in diesen Flaschen nicht "gemischt", sähe dieser Laden ganz anders aus. Braune Flaschen mit Warnhinweisen würden in den Regalen stehen und Normalsterbliche dürften keine Fuß über die Schwelle setzen.
Chemikalien für die Parfümherstellung sind schwer zu bekommen. Und damit meine ich ausnahmsweise nicht die Captives, auf denen die "BIG 6" sitzen (sollen sie, immerhin haben sie die Substanzen auch für viel Geld entwickelt). Es geht hierbei um Allerweltschemikalien, die bis vor wenigen Jahren in jeder Drogerie zu haben waren. Eine kleine Lobby von Menschen, die sich gerade diese moderne Hexenjagd als Erwerbsquelle zugelegt hat, bringt jeden unter Verdacht, der damit hantiert.
Als Beispiel soll Heliotropin genannt werden. Diese Substanz, für die moderne Parfümerie völlig unverzichtbar und in jedem Veilchenduft oder Heliotropduft üppig vorhanden, ist EU-weit verboten,
unter Androhung von bis zu 5 Jahren Gefängnis nur für den Besitz (!). Begründung ist, daß Heliotropin als Ausgangsstoff für mögliche Drogensynthesen genutzt werden kann. Ist ja erst einmal nicht verkehrt.
Was für den Nicht-Chemiker völlig plausibel aussieht, entpuppt sich bei näherer Betrachtung als Schildbürgerstreich erster Klasse. Beispielsweise wurde OMIKRON gezwungen, eine nur 2,5% Lösung von Heliotropin aus dem Verkauf zu nehmen. Der "Parfümbaukasten" von Jean Pütz wurde damit sinnentleert, da der verblüffte Käufer schnell feststellt, daß es eine wesentliche Zutat nicht mehr gibt und damit viele Parfümrezepte des Hobbythek-Buches nicht mehr gemischt werden können. Gleichzeitig ist Heliotropin noch immer
in viel höheren Konzentrationen als nur 2,5% in gängigen Markenparfüms enthalten.
Die
EU-Gesetzgebung schreibt nun vor, daß der Stoff nicht "einfach" aus der Mischung extrahiert werden darf. Auch das klingt ja erst einmal ganz plausibel. Dabei gibt es aber einen Denkfehler, der für Bürokraten typisch zu sein scheint. Einmal wird dem Käufer unterstellt, er wolle daraus Drogen herstellen. Die Prozedur dazu ist im Internet weit verbreitet und - nach Rücksprache mit einem gestandenen Chemiker - extrem schwer durchzuführen und für einen Laien absolut nicht zu bewältigen. Soll er aber doch können, sonst würde das Verbot ja keinen Sinn machen. Gleichzeitig wird dem Laien aber nicht zugetraut, daß er eine vergleichsweise einfache Stoffextraktion (aus den genannten Parfüms) durchführen kann! Ein Totalverbot von Heliotropin würde die Parfümindustrie nicht hinnehmen, also ist man inkonsequent und schädigt damit (als Nebeneffekt) nur die heranwachsende Konkurrenz, für die "Großen" gibt es selbstverständlich Ausnahmegenehmigungen der Bundesopiumstelle.
Ein solches Totalverbot droht aber (Dank der IFRA) vielen anderen Stoffen, schon ab dem nächsten Jahr.
Erik hat in seinem aromatischen Blog gerade darüber berichtet. Auch das wird vor allem die kleinen Parfümeure treffen. Bitte unterstützen Sie in diesem Zusammenhang diese Online Petition:
Das Heliotropin-Verbot ist so, als würde man den Verkauf von Eisenerz verbieten, weil man daraus ja Feuerwaffen herstellen kann (was irgendwo stimmt), aber den Verkauf von Metallwaren im Baumarkt nicht einschränken, da diese Eisenprodukte ja bereits verarbeitet wurden (!).
Wenn jemand von Beruf Chemiker ist, dann ist das Verbot von Heliotropin keine Hürde. Wenn jemand nicht Chemiker ist, hat er keine Chance, daraus etwas Verbotenes herzustellen.
Fazit: Bürokraten-Blödsinn.
Was ich hier über Heliotropin geschrieben habe, gilt für andere Parfümerie- und Kosmetikausgangsstoffe mit unterschiedlichem "Härte"grad. Benzaldehyd, Glycerin, Phenylessigsäure, sogar Natriumhydroxid und Zitronensäure - eine lange Liste von Chemikalien läßt sich angeben, die teils mit, teils ohne jede gesetzliche Grundlage im Handel von den Behörden eingeschränkt werden. Dabei verhalten sich diese völlig inkonsequent.
Es ist schlimm, daß aus der unseligen Verbindung von Bürokratie und Lobbyismus stillschweigend und von der breiten Masse unbemerkt immer neue Verbote sickern. In bester Salamitaktik werden ohne wirklichen Sinn die Grundrechte immer weiter beschnitten - und das nur, weil jemand mit dem Vorgang des Beschneidens Geld machen kann. Ob eine FDP, die mit dem Versprechen daran etwas zu ändern in den Wahlkampf gezogen ist, nun tatsächlich etwas tut, darf bezweifelt werden. Das ist längst EU-Unrecht geworden.
Ich persönlich nutze den "Heliotropin Replacer" von
Perfumer's Apprentice. Linda hat in Zusammenarbeit mit ihren Lieferanten eine gesetzeskonforme Lösung entwickelt, die für den Moment eine Lösung darzustellen scheint. Als Parfümeur ist mir die Nutzung von fremden Akkorden allerdings immer etwas unangenehm, da die Zusammensetzung nie unkritisch ist und man auf den Lieferanten angewiesen ist.
perfume - 26. Okt, 11:56